Lernleben-Gesundheitsblog

In den meinen Beiträgen darf ich dich in das Konzept der (österreichischen) Lebensberatung einführen. Sie bildet in Österreich seit den 1980er Jahren die 4. Säule der Gesundheitsvorsorge. Hier hat Österreich einen eigenen, aber sehr wirkungsvollen Weg eingeschlagen.

Soviel darf ich aber vorweg verraten. Die Lebensberatung ist keine Erfindung der Moderne – die Frage nach einem „guten Leben“ ist wohl so alt wie die Menschheit selbst.

Hier erfährst du Nutzen dir Lebensberatung auch für deinen Alltag bringen kann. Auf www.lernleben.at findest du zudem qualifizierte Lebensberater aus den verschiedenen Fachbereichen und Regionen Österreichs.

 

Ratgeber in der Antike – auch im Altertum anderer Kulturen

Es gab in allen Kulturen besonders anerkannte Persönlichkeiten, bei denen sich die Menschen der Antike Rat holten. Sie waren als Schamanen, Magier, Asketen, Druiden, Propheten und Priester bekannt und wurden als Heiler und Ratgeber zur Linderung der Krankheiten und Alltagsprobleme aufgesucht. Ärzte (Beispiel: Hippokrates) und vor allem Priester, insbesondere das priesterliche Orakel, bestimmten mit enormer Autorität den Lebensweg von Menschen, die in einer extremen inneren Abhängigkeit zu diesen „heilige Menschen“ standen, die als Abgesandte der Götter betrachtet wurden sowie als Kundige der Heilkünste, bei denen sich die Menschen ihrer Zeit Rat gesucht haben um ihre Probleme lösen zu können.

Antike Wurzeln der Beratung als Wegbereiter zum „Philosophischen Dialog“

Den Beginn der systematisierten und strukturierten zielorientierten Beratung können wir bei den griechischen Philosophen der Antike feststellen.

Allen voran ist es Sokrates (469 bis 399 v. Chr.) der wesentlich die Entwicklung der europäischen Philosophie der kommenden 2000 Jahren beeinflusste. Von ihm selbst sind keine Schriften überliefert, denn Sokrates war der Meinung, schriftlich festgehaltenes Wissen würde dazu verführen, es sich ohne eigenes Nachdenken und ohne praktische Umsetzung und Anstrengung einfach anzulesen. Er unterstellte den Schriftgelehrten, dass die Erfindung der Schrift die Menschen am Nachdenken hinderte, weil sie sich „im Vertrauen auf das Geschriebene auf angelesene Wahrheiten stützen und sie nicht aus sich selbst heraus erarbeiten“ (Stavemann,2002,S.9 / vgl. Traxler 2007, 6-7)

So sind wir bei der Erforschung des Sokratischen Denkens auf die Schriften seiner Schüler insbesondere Platons und seiner Schüler angewiesen.

Sokrates’ Alltag bestand zum Großteil darin, mit bekannten und fremden Menschen über ethische Ansichten und moralische Fragen zu diskutieren und zu philosophieren. Sokrates war zunächst stark von den Sophisten beeinflusst, kritisierte aber bald ihre Vermittlung von abstraktem Wissen ohne praktischen Bezug. Sokrates war überzeugt, dass „nur die eigenen, mühsam herausgearbeiteten Überzeugungen und Erkenntnisse dazu beitragen, sie anschließend auch zu leben, und dass die ausschließliche Vermittlung philosophischer Weisheit – egal, ob in mündlicher oder schriftlicher Form – keine wirkliche Einsicht und Veränderung bewirken kann“ (Stavemann, 2002, S. 13).

Er war der Meinung, dass die Antworten auf alle Probleme eines Menschen in ihm selbst begründet und verborgen liegen und durch gezielte Fragetechniken ans Licht gebracht, also „entbunden“ werden können. Diese Frageform wird deshalb auch als Mäeutik bezeichnet. Sokrates’ innere Haltung „Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß“ und seine berühmte Frage „Was ist das?“ begründeten die sogenannte „Sokratische Dialogtechnik“ , die von Platon aufgegriffen und später von den nachfolgenden philosophischen Schulen der Kyniker und Stoa verbreitet wurde. Im 20. Jahrhundert entstanden daraus die „Sokratischen Gespräche“, die auch heute noch in manchen Psychotherapie-Richtungen zu finden sind.

Der amerikanische Psychiater Chessnick erkennt das Sokrates als Erfinder des Begriffs der Seele – als zentraler Zugang zur Essenz des Menschseins – und erklärt ihn zum eigentlichen Begründer der Psychotherapie (Stavemann, 2002 / vgl. Traxler 2007, 7-9)

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Der Sokratische Dialog

Wesen des Sokratischen Dialoges in gegenwärtiger Anwendung als Beratungsmethode (vgl. Eichendorf, 2003, F 4 – 22)

Sokrates beschäftigte sich mit den Problemen des menschlichen Lebens, was es bedeutet, „Mensch zu sein“ und wie die „richtige“ Lebensweise auszusehen hat. Seine Frage nach der Arete (der Tugend oder dem guten, richtigen und gerechten Leben) gilt als Triebfeder seiner Philosophie.

 

Ausgangspunkt und Grundannahmen

Menschen handeln aus Unwissenheit heraus schlecht und ungerecht. Tiefere Einsichten und besseres Wissen nötig, um zur Arete zu gelangen.

Unwissende Haltung im Gespräch dient dazu, den Dialogpartner nicht durch die eigenen Dogmen zu beeinflussen.

 

„Zustand der inneren Verwirrung“

Sokrates prüft als naiver Frager seine Gesprächspartner solange in ihrem behaupteten Wissen um moralische Normen und Begriffe und verwickelt sie in Widersprüche, um sie in den „Zustand der inneren Verwirrung“ zu verleiten.

Dieser Zustand führt zu einer massiven Verunsicherung, so dass Veränderungsprozesse ermöglicht werden – geistige Neuorientierung und ein selbstbestimmtes Leben.

 

Regressive Abstraktion – Wahrheit durch Induktion

Der Rückschluss vom Einzelnen zum Allgemeinen, von den Folgen zu den Gründen. Sokrates geht bei seinen Ableitungen vom Alltagserleben seiner Gesprächspartner aus.

 

Hebammenkunst-Mäeutik

Keine Wissensvermittlung, sondern Wiedergewinnung des bereits Gewussten, des verschütteten Wissens, um dann zu tieferen Einsichten darüber vorzudringen.

 

Kunst der Hinführung

Besteht aus Protreptik (Heranführung, Ermunterung oder Aufforderung zur philosophischen Betrachtung eines Themas) und Mäeutik. Allgemeine Aussagen werden von konkreten Erfahrungen heraus formuliert, dann vom Unwesentlichen befreit, so dass er zur Erkenntnis/„Wahrheit“ gelangt.

Diese „Wahrheit“ ist nicht allgemeingültig, sondern eine vorübergehende individuelle Überzeugung.

 

Didaktische Hilfsmittel und Strategien

  • Prüfung der logischen Konsistenz
  • Bezugnahme auf Alltagserfahrungen und darauf ausgerichtete Tatsachenprüfung
  • Einsatz induktiver und deduktiver Schlussfolgerungen
  • Verwendung praktischer Analogien und Syllogismen
  • Sokratische Gesprächsführung in Psychotherapie und Lebensberatung

 

Modifikation für die beraterische / therapeutische Anwendung

  • Regressive Abstraktion ist abhängig von Thematik und Zielsetzung
  • Definition von Vernunft, Erkenntnis und Wahrheit
  • Vernunft: Wird dem Individuum intersubjektiv, durch soziale Interaktionsprozesse vermittelt und ist empirisch- sprachlich fassbar.àà keine objektive Erkenntnis – objektive „Wahrheit“ nicht formulierbar

 

Sokratische Gesprächsführung in Psychotherapie und Beratung

Was im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung als „vernünftig“ und „wahr“ gilt, hat sich stets am Sozialisationshintergrund, an den ethisch- moralischen Normen und an den (Lebens-) Zielen des Klienten / Patienten zu orientieren.

 

Wesen und Zielsetzung Sokratischer Dialoge

  • Kennzeichen: Konkrete Fragen, gezielte Betrachtung und Reflexion der Annahmen – Neue Einsichten erarbeiten
  • Begriffe, Maßstäbe und Zielsetzungen in Übereinstimmungen mit persönlichen Zielen, Werten, Normen und Moralvorstellungen definieren um danach leben zu können
  • Widerspruchsfreies, selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben führen
  • Das Ziel besteht darin, dem Klienten bestimmte Wertbegriffe definieren zu lassen oder darin, Begriffsdefinitionen für abgegrenzte Gruppen mit einheitlichem Sozialisationshintergrund zu erarbeiten

 

Beispiel dysfunktionalen Denkmuster

KL: „Ich bin eine schlechte Mutter“

B: „Was ist das, eine schlechte Mutter?“

KL: „Mütter von stehlenden Kindern sind schlechte Mütter!“

Widerlegung: funktionale und inhaltlich- logische Disputation der aufgestellten Behauptung/ dysfunktionalen Denkmusters. Zustand der inneren Verwirrung

Bsp.: „Sie meinen, ihr Kind konnte gar nicht anders? Es musste einfach klauen, weil Sie so sind, wie sie sind? Falls ja, wer ist schuld daran, dass Sie so sind, wie sie sind?“

Hinführung: gemeinsame Suche nach Alternativen, zielführenden Denkmustern und einem adäquaten, widerspruchsfreien Modell

Bsp.: Objektiv „gute“ und „schlechte“ Mütter gibt es nicht

Pauschales Urteil ist unsinnig (Klient soll diese Aussage herausfinden) – Ergebnis des Dialogs

Bsp.: „Jeder kann nur verantwortlich sein für das, was in seiner Macht steht. Was mein Kind entscheidet zu tun, entspringt seiner autonomen Entscheidung… es steht nicht mehr in meiner Macht, er ist Erwachsen und hat sich dazu entschieden (…)“

 

Platon als Wegbereiter des „Philosophischen Dialogs

In einer Aussendung des WKÖ Fachverbandes vom 16. August 2013 findet im Rahmen der Lebensberatung folgende Definition Anwendung:

„Unter einem philosophischen Dialog wird ein Gespräch zur Vermittlung von Erkenntnissen und/oder zur Erörterung von Problemen im Sinne der klassischen Dialektik (These und Antithese) verstanden. Beim philosophischen Dialog geht es darum, einen bestimmten Gedanken zu entwickeln, ein Problem zu lösen oder eine von vornherein feststehende Position gegen die Einwände des Gegners zu verteidigen. Als Methode in der Lebens- und Sozialberatung wird der Philosophische Dialog als intersubjektive Klienten-Berater Beziehung verstanden, in welcher über die Grundkonstellation des Dialoges, die dem Menschen innewohnenden existentiellen Einsichten mittels geschickter Fragen des Beraters zu Bewusstsein gebracht werden, um dadurch die anstehenden Lebensprobleme zu bewältigen.“

An der historischen Entwicklung der Philosophie können wir erkennen, dass der Philosophische Dialog aus der Antike bis zur Gegenwart Anwendung gefunden hat um Erkenntnisse zu gewinnen, um Menschen zu überzeugen sowie zu gewinnen und um in der Interaktion von Menschen mittels aller Formen der Kommunikation (verbal, nonverbal und paraverbal) zu gewünschten Zielen und Handlungen zu gelangen.

 

Die Sonderstellung Platons

Dennoch nimmt auch der Schüler von Sokrates – Platon, 427-347 v.Chr. – eine Sonderstellung ein, denn sein Platonischer Dialog, welcher als Bezeichnung für die literarisch gestalteten Dialoge seine Philosophie dargelegt hat, bedürfen einer besonderen Würdigung wie auch Betrachtung. Fast alle Werke Platons sind in Dialogform abgefasst. Es sind fiktive Gespräche zwischen zwei bis vier Diskutierenden. Die Dialoge enthalten zwar Platons authentisches Gedankengut, aber weil er Vertreter unterschiedlicher Positionen zu Wort kommen lässt und selbst nicht als Gesprächspartner auftritt, lässt sich seine eigene Auffassung den Texten nur indirekt entnehmen. Diese fiktiven Dialoge fließen heute natürlich unsichtbar in die gesamte systemische Aufstellungsarbeit ein, sei es intrapersonell – wie z.B. das innere Team – oder interpersonell – eben in der monodramatischen Arbeit mit nicht anwesenden Persönlichkeiten des eigenen Beziehungsnetzwerkes.

 

Die Anwendung in der Lebensberatung

Da die Lebensberatung sich primär auf die Individuation des Menschen (nach C.G. Jung) konzentriert und alle Aspekte der Salutogenese (nach Aaron Antonovsky) abdeckt, distanziert sie sich sehr bewusst von allen Bereichen der Pathogenese, sowie der kurativen Medizin. Die Schwerpunktbereiche des Trippels aller LebensberaterInnen liegen demnach in der Prävention und Gesundheitsprophylaxe oder in der Rehabilitation ab Stufe 3 (z.B. Sportwissenschaftliche Interventionen) Im psychosozialen Kontext hat sich die Lebensberatung bisher der Methodenbeschreibung in Anlehnung auf die historisch gewachsenen Schulen der großen psychologischen Schulen gestützt, besonders in deren therapeutischer Ausrichtung.

Jedoch hat der Fachverband im Jahre 2013 – nach der Vorlage eines Entwurfes des LSB Berufsgruppenausschusses – einen neuen Methodenkatalog für die psychosoziale Beratung beschlossen, der alle psychotherapeutischen Methoden im Sinne der Lebensberatung „reframed“.

Lese im zweiten Teil über die religiösen Wurzeln der Lebensberatung.

Die Entstehung der Lebensberatung ist in 5 Bereiche aufgeteilt.

  1. Die Ratgeber der Antike
  2. Die religiösen Wurzeln
  3. Die Entwicklung im 20 Jahrhundert
  4. Die humanistische Orientierung in den 1980er Jahren
  5. Das Angebot in Österreich

fotocredits: AntiqueGreekPhilosophers_1867_www.neo-cortex.fr – stock.adobe.com

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