Lernleben-Gesundheitsblog

Auch wenn es in Österreich noch kein Thema zu sein scheint, lohnt sich ein Blick zum Nachbarn nach Deutschland, wo nun mehr und mehr Lebensmittel farblich gekennzeichnet werden sollen. Aller schlechten Dinge sind drei – warum der Nutri-Score zum Dreifachblender wird.

Derzeit vergeht kaum ein Tag ohne neue Meldung, dass erneut ein Unternehmen ankündigt, schon bald den „Nutri-Score“ einzuführen – natürlich nur der „gesunden Ernährung“ wegen, sodass die Verbraucherauf einen Blick erkennen können, wo die gesündere Alternative“ im Regal zu finden ist. Doch das ist alles nicht mehr als ein Kniefall vor der omnipräsenten Ernährungspolizei und den moralinsauren Gesundheitsaposteln.

 

Ideologie ohne Nachweise

Der Nutri-Score ist ein Paradebeispiel der „Geheimregierung“ des modernen Ökocalvinismus, das klar macht: Heutzutage dominieren postfaktische Forderungen, die aus ideologischen Gründen umgesetzt werden, um dem Druck der Neopuritaner nachzugeben und im Lichte der öffentlichen Wahrnehmung als „Förderer der Gesundheit“ zu glänzen – die jedoch in keiner Weise einen wissenschaftlichen Nachweis erbringen werden, dass sie der Bevölkerung auch nur ein Funken mehr Gesundheit bringen.

Im Falle des Nutri-Score: Ganz im Gegenteil, denn diese Verampelung von Lebensmitteln ist ein durch und durch dreifach „gefährlicher“ Akt. Nicht nur, weil es die Verbraucher mehr verwirrt als dass es sie aufklärt. Hier 3 entscheidende Gründe:

 

1. Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel ist weder wissenschaftlich vertretbar noch empfehlenswert.

Für die avisierte Einteilung in ein Punktesystem fehlt jegliche wissenschaftliche Grundlage. Diese Werte basieren nicht auf (Kausal)Evidenz, sondern auf der Freigeistigkeit findiger Forscher, die sie al Gusto eminenzbasiert (halb scherzhafte Bezeichnung für eine Expertenmeinung – evidenzbasiert) festgelegt haben. Allerdings gibt es keinen Beleg dafür, dass irgendein roter Punkt tatsächlich eine Gesundheitsgefahr darstellt. Die Einteilung ist also absolut willkürlich. Warum das so ist findest du hier.

 

Der psychologische Aspekt

Außerdem haben die Punkte die gleiche Farbe wie eine Ampel, und damit ist klar, dass der Mensch sie intuitiv mit dem Ampelsystem verbindet. Grün ist toll, da habe ich freie Fahrt. Bei Rot verliere ich den Führerschein, das ist gefährlich und böse. Das nutritive Ampelsystem suggeriert etwas Ähnliches, dabei ist das alles nur Fantasie. Es gaukelt den Menschen vor, es gebe eine Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel. Im Grunde konterkariert man das eigene System, denn die 7 großen ernährungswissenschaftlichen Fachverbände konstatieren klar und unisono:

Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel ist weder wissenschaftlich vertretbar noch empfehlenswert. Diese strikte Kategorisierung ist Nonsens. (Lesen Sie hier die Zusammenstellung der überaus einstimmigen Statements der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE), der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), dem deutschen Bundeszentrum für Ernährung (BZfE), dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) sowie der beiden Berufsverbände in Deutschland und Österreich, dem Verband der Oecotrophologen (VDOE) und dem Verband der Ernährungswissenschaftler Österreichs (VEÖ).)

 

2. Die Folge: Höhere Preise für schlechtere Qualität

Der Nutri-Score führt mitunter dazu, dass der Verbraucher für weniger Lebensmittelqualität mehr Geld bezahlen wird. Und dann gibt es noch einen weiteren wesentlichen Punkt. Die Industrie wird sich hüten, Produkte mit vielen roten Punkten auf den Markt zu bringen. Um gelbe und grüne Punkte zu bekommen, wird man wichtige, hochwertige Nährstoffe aus den Rezepturen entfernen, zum Beispiel Fett, Zucker und Salz, und dafür mit Füllstoffen arbeiten, die das Produkt so aussehen lassen wie vorher. Das macht man mittlerweile 1990er Jahren schon sehr erfolgreich mit Light- und Diätprodukten. Jetzt bekommt das Kind einfach einen anderen Namen. Geschmacklich werden die nutrigescorten Neolebensmittel schwach und vom Nährwert her nicht mehr so hochwertig sein wie vorher.

Der Nutri-Score führt also dazu, dass der Verbraucher für weniger Lebensmittel(qualität) mehr Geld bezahlen wird. Die Produkte werden ausgehöhlt, um in den „gesundheitlich besten Bereich“ zu kommen. Verbraucher müssen davon mehr kaufen, damit sie satt werden.

Eine Pizza, die vorher 900 Kalorien hatte, wird nur noch mit beispielsweise 600 Kalorien produziert. Vielleicht kaufen hungrige Verbraucher dann zwei davon oder essen noch etwas anderes dazu, denn erst dann sind sie satt. All diese Punkte sprechen absolut gegen den Nutri-Score. Das freut lediglich die Produzenten – die Industrie. Ausnahmsweise mal wird man hinter verschlossenen Türen foodwatch & Co. dankbar sein für ihren ideologischen Übereifer, der selbst dei deutsche Bundesministerin Julia Klöckner hat einknicken lassen.

 

3. Die Ampelkennzeichnung in Verbindung mit Angst wird zu einer neuer Form der Essstörung führen

Und Angst ist kein guter Ratgeber. Der Nutri-Score wird ernährungssensiblen und gesundheitshörigen Verbrauchern Angst machen. Es wird mit Sicherheit jede Menge Menschen geben, die nichts kaufen, das rote Punkte hat – einfach aus Furcht davor, sich „ungesunde“ Lebensmittel einzuverleiben. Der Nutri-Score wird also zu einer neuer Form der Essstörung führen: Diese Scorektiker sind das Ergebnis, wenn moderate Orthorektiker „ontop“ eine ausgeprägte Rotpunktaversion entwickeln.

Mehr dazu im Doppelinterview mit Andreas Schnebel, Psychotherapeut, Vorstandsvorsitzender des Bundesfachverband Essstörungen e.V. und Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler und Buchautor „wider den Ernährungswahn“ – derer zufolge die psychologische Gefahr der Punktierung nicht unterschätzt werden sollte.

In diesem Sinne ist pro Verbraucher nur zu hoffen, dass sich viele Unternehmen nicht an die Nutri-Nötigung halten, klare Kante zeigen und ihre Lebensmittel weiterhin nur „frei von“ anbieten – frei von frei erfundenen Ampelpunkten ohne jeglichen Nutzen für die Gesundheit der Menschen. Aber auch wir als Verbraucher sind gefragt nicht mit blindem Vertrauen jeder Entwicklung nachzulaufen, sondern auch auf unseren Bauch und unsere Intuition zu hören.

Ihr Uwe Knop

fotocredits: ©Asier – stock.adobe.com

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